Putten

Putten in Passau

Bis 1990, ich war 26, lebte ich in der Drei-Flüsse-Stadt Passau in Niederbayern … in einer 2-Zimmerwohnung ohne direktes Tageslicht, ohne Küche, ohne Bad, mit Klo auf dem Gang, mein Atelier in einem Nischenraum auf der eindreiviertelsten Etage mit eingebautem Kohleofen für den Winter … aber mit Blick auf die Donau und nur ein paar Minuten zu Fuß zum Dom St. Stephan. Süddeutscher Barock, Bischofssitz des Bistums Passau, ein riesiger barocker Kircheninnenraum mit der größten Domorgel der Welt!

Durch unzählige figürliche Darstellungen mit ihren illustren Geschichten ist dort richtig was los: Atlanten stützen den architektonischen Himmel, Fresken des Kuppelgewölbes zeigen Gottvater, Evangelisten, Propheten, Märtyrer und … die Steinigung des Heiligen Stephanus. Musik wird dargestellt, die vier Tugenden „Gerechtigkeit (iustitia), Mäßigung (temperantia), Tapferkeit/Hochsinn (fortitudo, magnitudo animi) und Weisheit/Klugheit (sapientia/prudentia)“. Gemälde zeigen Ereignisse aus Jesu Leben wie die Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Es gibt sogar das Heiliggeistloch ganz oben in der Decke (!) und sehr viel Altäre: Volksaltar, Marienaltar, Pauli-Bekehrungs-Altar, Martinsaltar, Christi-Geburts-Altar, Sebastiansaltar, Agnesaltar, Dreikönigsaltar, Katharinenaltar, Johannesaltar, Maximilians- und Valentinsaltar. Also ganz großes Kino!

Mir hatten es die Putten angetan, denn sie durften in diesem ganzen christlichen Treiben anscheinend tun, worauf sie Lust hatten: musizieren, lesen, fliegen, lachen, tanzen, saufen, küssen, feiern … sie hatten wohl einen katholischen Persilschein! Ich malte viele Puttenszenen auf alte Bettlaken und durfte damit einmal den Raum für die Weihnachtsfeier des Passauer Scharfrichterhauses ausschmücken.