Villa Arson

villa arson, Nizza

Ab 1990 bis 1993, zwischen 26 und 30, studierte ich endlich Kunst! Und zwar zeitgenössische Kunst an der damals neuen „villa arson, École Pilote International d’Art et de Recherche“ in Nizza. Sie war Akademie und Ausstellungszentrum in einem, interdisziplinär aufgestellt: es gab keine festen Klassen, sondern die individuellen Kunstvorhaben wurden in diversen Werkstätten unter der Leitung der jeweiligen Professoren realisiert. Die französische Regierung unter dem Kulturminister Jack Lang ließ damals im Zuge der Dezentralisierung von Paris viel Geld in die „villa“ fließen.

Vorab war ich bereits mal von Nürnberg nach Südfrankreich getrampt, um mir – mit Vincent und dem Licht des Südens im Kopf – südfranzösische Kunstakademien anzuschauen und fragte in Nizza nach der villa arson, fand sie schließlich am letzten Tag vor der großen Sommerpause … und das sogar ohne Handy und mobiles Internet! Ich bewarb mich und bezog 1990 eines der zwanzig 13-m2-Studentenzimmern auf dem Gelände.

Getreidefelder und pleine air-Ölmalerei gab es dort nicht, dafür viel „art concept“, philosophieren über die Postmoderne mit Jean Baudrillard, Technoraves an der Côte d'Azur, Filmfestspiele in Cannes, bunte Schwulen-Lesben-Parties und in endlosen Diskussionen Fragen über die Kunst und das Künstlersein.

Viele Künstler, Vortragende und artistes en résidence wurden in die „villa arson“ eingeladen. Das war das Beste, denn ich lernte jede Menge interessanter Leute kennen. So eingeschlossen man da oben auf dem Berg in Autobahnnähe lebte, es war ständig was los. Ansonsten arbeiteten wir in den diversen Ateliers.

Ich versuchte mich auf französisch an einem Vortrag über Joseph Beuys und die Anthroposophie und meine Umschreibung des „Großen Ganzen“ als „grand tout“ wurde zum geflügelten Wort! Sie fanden es lustig, Beuys und das alles eher seltsam … irgendwie unverständlich und sehr deutsch. Mich natürlich auch, vor allem weil ich diese „orthopädischen Sandalen“ trug, obwohl ich auf Nachfrage nichts an den Füssen hatte. Les femmes françaises legen eben auch beim Kunstmachen Wert auf Stil und Mode. Zu Recht! Schönheit rules!

Zum ersten Mal schuf ich skulpturale Werke, so eine Werkserie mit Zucker in unterschiedlichsten Aggregatszuständen, einen T-Rex-Kopf in Originalgröße aus durchsichtigem, blauen Polyester sowie eine Miniaturberglandschaft für mein Video „Alphornblasen“. Ich befasste mich mit Drucktechnik, Videokunst, Philosophie und Kunstgeschichte.

Die Zeichnung bleib aber auch in dieser Zeit eine feste Größe. Ich befragte innere Zustände, sexuelle Orientierungen, Identitäten, paradoxe Gefühle. Ich beendete mein Kunststudium in Nice 1993 mit dem Titel „Diplôme National Supérieur d’Expression Plastique, Option Art (Félicitation du Jury)“. Impressionnant … und sehr französisch!